März 2026
James spricht …
ES IST ZEIT
Wie die meisten wissen, sitze ich nun seit fast 37 Jahren im Todestrakt. Deshalb ist es nicht so, als wären der Tod oder der Gedanke an den Tod nicht ständig an meiner Tür oder in meinen Gedanken.
Das Jahr 2025 kam für mich überraschend, als der Bundesstaat Florida und der Gouverneur beschlossen, insgesamt 19 Männer aus dem Todestrakt hinrichten zu lassen. Glücklicherweise gehörte ich nicht zu ihnen. Ich habe bereits darüber geschrieben, wie ich miterleben musste, wie Männer in meiner Nähe und Freunde abgeholt und hingerichtet wurden.
Dadurch wurde mir bewusst, dass auch meine Tage gezählt sind, bis ich an der Reihe bin. Das Begnadigungssystem (Clemency) in Florida ist zu einem schlechten Witz geworden. Sein eigentlicher Zweck war es, sicherzustellen, dass selbst in einem System, das mit einer Hinrichtung endet, immer noch die Möglichkeit zur Gnade besteht. Irgendwann ging dieser Bezug zur Barmherzigkeit verloren. Hier in Florida hat seit 1983 niemand im Todestrakt eine Begnadigung erhalten. Das Verfahren ist politisch geworden.
Ich spreche dabei nicht von Freiheit, sondern von einer Begnadigung, die eine Umwandlung der Todesstrafe in lebenslange Haft ermöglicht. Ganz gleich, wie sehr sich ein Mensch verändert – durch Bildung, seinen Glauben oder einfach dadurch, dass er älter wird, nachdem er als junger Mann hierhergebracht wurde – nichts davon scheint noch eine Rolle zu spielen.
Früher bedeutete eine Begnadigung die Chance, den Verantwortlichen zu zeigen, wer man heute ist – nicht, um Ausreden für die Tat zu finden, sondern um eine echte, ehrliche Veränderung zu belegen. Man konnte Zeugenaussagen, Beweise und Unterstützer vorbringen und darlegen: Ich bin heute nicht mehr der Mensch, der ich damals war.
Heute ist das Begnadigungsverfahren nur noch ein weiterer Schritt auf dem Weg des Staates zur Hinrichtung. Man erhält einen Brief vom Begnadigungsausschuss, in dem mitgeteilt wird, dass einem ein von ihnen ausgewählter Anwalt zugewiesen wird, der den Begnadigungsantrag vorbereitet und einreicht.
Dieser Anwalt wird selbstverständlich vom Staat bezahlt – manche erhalten etwa 5.000 Dollar, andere 10.000 Dollar, aufgeteilt auf verschiedene Verfahrensschritte: ein Teil für den Besuch des Gefangenen im Todestrakt, ein weiterer für das Einreichen des Antrags beim Begnadigungsausschuss und nochmals eine Zahlung, wenn der Ausschuss in den Todestrakt kommt, um ein sogenanntes Gespräch zu führen, an dem auch der Anwalt teilnimmt.
Mein eigenes Begnadigungsverfahren begann bereits 1992. Es wurde jedoch gestoppt, bevor es abgeschlossen war. Die damalige Regierung entschied – meiner Meinung nach klugerweise –, dass das Begnadigungsverfahren nicht zu Beginn stattfinden sollte, sondern erst als letzter Schritt unmittelbar vor einer möglichen Hinrichtung. Deshalb wurde mein Verfahren auf Eis gelegt.
Erst Ende 2014 erhielt ich erneut einen Brief. Darin wurde mir ein Anwalt zugewiesen – für das, was sie eine „Überprüfung des früheren Begnadigungsverfahrens“ nannten.
Ich traf mich mit dieser Anwältin, und Ende 2014 beziehungsweise Anfang 2015 reichte sie einen insgesamt 15 Seiten langen Antrag ein. Darin sollte erklärt werden, wer ich heute bin, wer ich früher war, worum es in meinem Fall geht und – vor allem – warum mir Gnade gewährt werden sollte.
1992 hatte ich ein persönliches Gespräch mit dem Begnadigungsausschuss. 2014 schien der Ausschuss jedoch der Ansicht zu sein, dass die Jahre zwischen 1992 und 2014 keine Bedeutung hätten, denn ein weiteres Gespräch wurde nie angesetzt.
Also wartete ich weiter – ohne zu wissen, ob oder wann meine Zeit kommen würde.
Und schließlich kam sie doch.
Am Freitag, dem 27. Februar 2026, begann der Tag eigentlich sehr gut.
Gegen Mittag hatte mein Zellenblock das, was wir „Day Room“ nennen – die Zeit, in der wir unsere Zellen verlassen und uns im Flur aufhalten dürfen. Dann können wir telefonieren, duschen und uns mit den anderen Männern auf dem Block unterhalten.
An diesem Tag hatte ich tief im Herzen das Gefühl, dass etwas geschehen würde. Ich sagte meinen Freunden, dass meine Zeit wahrscheinlich gekommen sei. Ein paar von ihnen erzählte ich, dass ich sicher sei: Wenn der Gefangenentransporter durch das hintere Tor unserer Einheit fahren würde, dann wäre er für mich.
Gegen 15:30 Uhr mussten wir alle wieder in unsere Zellen zurück. Von meiner Zelle aus konnte ich das hintere Tor gut sehen.
Ungefähr um 17:10 Uhr sah ich zwei Transporter vorfahren und durch das Tor fahren.
Etwa drei Minuten später öffnete sich die Eingangstür unseres Zellenblocks. Ich hörte Schritte auf dem Flur.
Der Gefängnisdirektor (Warden) stand mit mehreren Justizvollzugsbeamten vor meiner Zelle. Er sah mich an und sagte:
„Es ist Zeit. Der Gouverneur hat Ihren Hinrichtungsbefehl unterschrieben.“
Von diesem Moment an lief alles wie eine einstudierte Choreografie ab.
„Geben Sie mir die weiße Kleidung, die Sie tragen werden – Boxershorts, T-Shirt, Socken … Ziehen Sie sich vollständig aus und zeigen Sie Ihre Genitalien.“
Mir wurden Handschellen angelegt. Ich musste mich hinknien. Fußfesseln wurden angelegt, anschließend eine Bauchkette sowie eine sogenannte „Black Box“, eine zusätzliche Sicherung über den Handschellen, die verschlossen wurde.
Dann wurde ich den Flur entlanggeführt, vorbei an meinen Freunden Paul, Butch, Boo, Tony, MR, Dale, Mo und vielen anderen.
Jeder von ihnen verabschiedete sich mit Worten der Ermutigung und sagte:
„Bleib stark.“
Mein Freund Don schlief gerade. Aber das war in Ordnung.
Wir verließen das Gebäude und stiegen in einen Transporter, der mich zu dem Bereich brachte, den man „Death Watch“ nennt – den besonderen Hochsicherheitsbereich für Gefangene unmittelbar vor ihrer Hinrichtung. Die beiden Gefängnisse liegen weniger als eine Meile voneinander entfernt.
Im Florida State Prison (FSP) angekommen, wurde ich zunächst in das Verwaltungsgebäude gebracht. Dort warteten bereits der Gefängnisdirektor und weitere Mitarbeiter der Gefängnisleitung.
Der Direktor las mir anschließend den offiziellen, vom Gouverneur unterzeichneten Hinrichtungsbefehl vor.
Danach teilte er mir das Datum meiner Hinrichtung mit:
31. März 2026, 18:00 Uhr.
Nachdem ich vier Ausfertigungen des Dokuments unterschrieben hatte, erhielt ich eine Kopie für meine Unterlagen.
Anschließend brachte man mich zur Krankenstation für eine kurze medizinische Untersuchung.
Danach wurde ich den Flur entlang zum Bereich Death Watch geführt.
Hinter der Tür des sogenannten Q-Wings ging es hinunter ins Erdgeschoss. Dort standen zwei Justizvollzugsbeamte hinter mehreren verschlossenen Sicherheitstüren.
In der ersten Zelle saß Billy Kearse, dessen Hinrichtung nur noch wenige Tage entfernt war – sie war für den 3. März 2026 angesetzt.
In der nächsten Zelle befand sich Mike King, dessen Hinrichtung am 17. März vorgesehen war.
Am Ende des Ganges lag meine Zelle.
Vor den Gitterstäben befand sich eine Plexiglasscheibe. Die Zelle war mit einem Bett, einem Spind sowie einem kleinen, an der Wand befestigten Tisch am Fußende des Bettes ausgestattet. Außerdem gab es eine Toilette und ein Waschbecken.
Wir dürfen nur sehr wenige persönliche Gegenstände besitzen. Unser kleiner Fernseher steht außerhalb der Zelle auf einem Stuhl.
Sobald ich in der Zelle angekommen war, rief mich mein Anwaltsteam an. Für Gespräche mit den Anwälten gibt es eine gesicherte Telefonleitung. Die Anwälte können fast jederzeit anrufen; solche Gespräche werden in der Regel vorher mit der Sekretärin des Gefängnisdirektors abgestimmt.
Nachdem wir gesprochen hatten, durfte ich meinen Bruder Donnie anrufen und meiner Familie versichern, dass es mir den Umständen entsprechend gut ging.
Dann begann das Warten – 30 Tage bis zum vorgesehenen Hinrichtungstermin.
Ich habe kein Tablet mehr. Deshalb kann ich keine E-Mails mehr schreiben. Meine Familie, Freunde und alle, die mir Gutes wünschen, können mir jedoch weiterhin wie bisher über Securus Nachrichten schicken.
Jeden Tag wird sämtliche Post ausgedruckt und zu mir – beziehungsweise zu uns – gebracht.
Natürlich vermisse ich das Schreiben von E-Mails. Noch mehr vermisse ich jedoch die Musik.
Ich bin absolute Stille nicht gewohnt – abgesehen vom ständigen Funkverkehr der Justizvollzugsbeamten, deren Funkgeräte ununterbrochen Meldungen zwischen den verschiedenen Bereichen des Gefängnisses übertragen.
Ich vermisse auch den Blick nach draußen.
Es gibt zwar zwei große Fenster, doch beide sind überstrichen und zusätzlich mit Vorhängen verhängt. Man erkennt lediglich die Umrisse der Fenster, mehr nicht.
In der letzten Woche vor einer Hinrichtung werden dem Gefangenen selbst die wenigen persönlichen Gegenstände aus seiner Zelle genommen.
Von diesem Zeitpunkt an sitzt rund um die Uhr – 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche – ein Beamter unmittelbar vor der Zelle. Er protokolliert jede einzelne Handlung des Gefangenen bis zum Zeitpunkt der Hinrichtung.
Allein zu sein, ist emotional äußerst belastend.
In dieser einen Woche habe ich mehr geschrieben als seit 2019 – also seit der Zeit, bevor wir Tablets und Zugang zu E-Mails bekamen.
Mein Anwaltsteam weigert sich aufzugeben.
Seit der Unterzeichnung des Hinrichtungsbefehls kämpfen sie ohne Unterbrechung weiter.
Deshalb möchte ich mich an dieser Stelle von allen verabschieden, die meine Texte gelesen haben.
Ich wollte diesen letzten Beitrag unbedingt noch schreiben …
Nun ja, weil es – so wie ich es sehe – Zeit ist.
Bitte behaltet mich in euren Gebeten.
Und danke für all eure Unterstützung.
James A. Duckett
Geboren am 4. September 1957
